Newsletter 2023 № 1
MMM - Musikalisch-malerische Meditation
Vor 30 Jahren erscheint das berührende, ja Trost spendende, 75 (!) Minuten dauernde Musikstück «Jesus’ Blood Never Failed Me Yet» des Komponisten Gavin Bryars. Die fragile Stimme des namenlosen Obdachlosen - zufällig eingefangen in einer Film-Reportage über das Londoner Prekariat - wird Grundlage einer veritablen orchestralen Hymne, in welche sich nach 55 Minuten eine zweite, gänzlich unverkennbare Stimme hineinsingt: diejenige des amerikanischen Sängers Tom Waits. Die vom namenlosen Sänger zitierten Verse, beginnend mit der Zeile «Jesus’ Blood Never Failed Me Yet», wiederholen sich im Musikstück 170-mal. Das Werk wird so zur musikalischen Meditation.
«Jesus’ Blood Never Failed Me Yet» (2023; 30 cm x 40 cm)
Mit dem gleichnamigen Bild erweise ich dieser Hymne und seinem Komponisten meine Referenz. Nebenbei formuliert: Ich lernte das aus dem Jahr 1993 stammende 75'-Opus erst vor kurzem kennen. Ungemein spannend ist nicht allein, was die Zukunft für uns bereit hält, sondern eben auch die Vergangenheit.
Die Keks-Ikone
Wieso, um Himmels willen, malt mat. einen KEKS? Er malt natürlich nicht irgendeinen Keks, sondern DEN Keks: Der Leibniz-Keks wird seit 1891 in Original-Rezept (mit Butter) und -Design (mit 52 Zähnen) produziert. Wie damals offenbar bei Nahrungsmitteln durchaus verbreitet, wurde das Produkt nach einer bekannten Persönlichkeit benannt: in diesem Falle nach Hannovers (woher der Firmengründer Hermann Bahlsen stammt) prominentem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716).
Geschmack und Ästhetik der schlicht-eleganten Gestaltung machen den vermeintlich simplen Butterkeks zum Sehnsuchtsobjekt und zur zeitlosen Ikone. Mein KEKS ist farblich verfremdet und markant überdimensioniert, ansonsten aber originalgetreu gefasst - und zwar so originalgetrau, dass dem-/derjenigen, der/die sich ganz nah an die Leinwand heran begibt, ein hauchzarter Butterduft in die Nase steigt. 52 Zähne, 52 Wochen: Der Leibniz-Keks ist ein Produkt für jede Woche, jeden Tag, jeden Ort. Deshalb ist mein KEKS in den nachstehenden Bildern denn auch ubiquitär in Szene gesetzt. Als nächstes werde ich - man kann nicht gross genug denken - den KEKS nach New York ins MoMa tragen …
KEKS (2022; 80 cm x 60 cm)
KEKS (2022; 80 cm x 60 cm)
«Meh Dräck»
Ich bin nicht allein inzidenter Gemälde-Produzent, sondern auch eminenter Kunst-Rezipient. Zurzeit habe ich mich in die Skulpturen der Künstlerin Jean Jinho Kim «verguckt». Das Werk «Sanctuary» (2022) war mir Inspiration zum Gemälde «Les ami(e)s». «Your painting looks beautiful! I really like it. [...] I hope to inspire many more artists like you», schreibt mir Jean Jinho Kim in charmanter Weise zu diesem Bild. Zunächst akkurat gemalt, habe ich das Bild anschliessend vollständig mit schwarzer Farbe übertüncht - und das ursprüngliche Bild dann wieder herausgewaschen. (Ja, natürlich, in der Badewanne.) «Meh Dräck», wie es Chris von Rohr formuliert, trifft die Sache eben schon.
«Sanctuary» (2022) - Copyright Jean Jinho Kim
Les ami(e)s (2022; 40 cm x 50 cm)
Freiheit und Struktur - reloaded
Der Bild-Titel «Freiheit und Struktur» bleibt für mich produktiv. «Freiheit und Struktur (IV)» ist eine Variation in blau des Vorgänger-Bildes, die Nummer V eine solche in grau. Ich glaube, Letztere ist mein erstes Bild, das ausschliesslich in Grautönen gehalten ist. Ansporn dazu war ein Diktum Paul Cézannes, auf welchem der Philosoph Peter Sloterdijk sein unfassbar gedankenreiches Buch «Wer noch kein Grau gedacht hat» aufbaut: «Solange man nicht ein Grau gemalt hat, ist man kein Maler.»
Freiheit und Struktur (IV) (2022; 40 cm x 50 cm)
Freiheit und Struktur (V) (2023; 40 cm x 50 cm)
Wer Lust hat, kann sich die (fürs erste abgeschlossene) vollständige Bilderreihe «Freiheit und Struktur» in der nachfolgenden Bilderstrecke zu Gemüte führen.
Freiheit und Strukur, I bis V (Bilderreihe)
Ein Hoch auf s/w
Nachts verliert die Welt ihre Farben, in fahlem Licht verschwindet alles Bunte im Blaugrau der Dämmerung und Dunkelheit. Unsere Augen unterscheiden nicht mehr zwischen rotem, grünem oder blauem Licht, denn die dafür verantwortlichen und in drei Varianten vorkommenden Zapfen als Rezeptoren des Farbsehens in der Netzhaut des Auges arbeiten erst von einer bestimmten Helligkeit an. Andere Rezeptoren in der Netzhaut, die Stäbchen, arbeiten dagegen auch noch bei geringer Lichtintensität und senden Informationen über die empfangene Helligkeit an das Gehirn. Schon aus diesem Grund sehen wir kaum Farben, wenn wir nachts den Sternenhimmel beobachten. Allenfalls der Mars mag rötlich erscheinen, in manchen Nächten auch der Mond. Mit bloßem Auge erscheint uns der Teppich aus Sternen mit seinem galaktischen Band der Milchstraße aber schwarz-weiss.
Diese schönen Zeilen finden sich in der FAZ vom 14. Januar dieses Jahres. Tatsächlich ist es äusserst spannend zu beobachten, was Farben mit einem Bild «machen». Beim Malen von «Bloom II» ging es mir darum, auf grossem Format den Eindruck einer in vollster Blüte stehenden Wiese einzufangen.
Bloom !I (2022; 80 cm x 80 cm;: Holzplatte)
Werden die Farben aus dem Bild herausgefiltert, verändert sich dessen Eindruck fundamental. Es entsteht ein myriadischer Sternenhaufen, in dessen Tiefe man sich vollends verlieren kann.
Bloom II s/w (2023; eVersion)
... Aus dem Meer wird eine Art Mondlandschaft ...
"Meer: Die Herausforderung des Raumes ins Nichts" (II)
(2022; 50 cm x 40 xm)
"Meer: Die Herausforderung des Raumes ins Nichts" (II) s/w
(2023; eVersion)
Ein Hoch auf alle ungemalten Schwarz-weiss-Bilder, welche sich in Farbgemälden verbergen! Ein Hoch auch auf die Betrachter/innen und Leser/innen dieses Newsletters, welche meinen Ausführungen bis hierhin gefolgt sind. May your heart always be joyful
Michael / mat.
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