Newsletter 2022 № 2
Introspektion & Kraft
Die Songs auf «Vaermin», dem anfangs 2022 erschienenen Album der Künstlerin Tara Nome Doyle, muten «rückbezogen», introspektiv an. Introspektiv, mit geschlossenen Augen nach innen sehend, nach innen hörend und fühlend, tritt Tara im Bild «Introspection» auf. Das Gemälde basiert - neben dem unbunten Paar schwarz und weiss - ausschliesslich auf den Farben rot und gelb resp. der Mischfarbe orange. Ein In-sich-Kehren als Quelle der Vitalität und Kreativität: Dafür stehen in meinem Bild die dominanten Farben orange und rot - wobei das lediglich mein Verständnis ist. Wie immer, liegt die Bedeutung eines Gemäldes im Auge der Betrachterinnen und Betrachter. Oder - mit Markus Gabriel etwas philosophischer formuliert -: Die Wahrnehmung eines Kunstwerks entspricht einer Dreiecksbeziehung: «1) Der wahrgenommene Gegenstand 2) erscheint einem 'Wahrnehmenden' 3) in der Form einer Wahrnehmungsillusion.» (Markus Gabriel, Die Macht der Kunst, 2021, S. 42) Diese Wahrnehmungsillusion darf - so möchte ich ergänzen - freilich auch der Maler/die Malerin selbst für sich reklamieren. Sonst müsste ich mit meinem Newsletter einpacken …
Introspection (2022; 30 cm x 40 cm;
dedicated to Tara Nome Doyle)
Vom Netz zum Netzwerk
Netze verbinden, fangen auf - können aber auch ausgrenzen, gefangen halten - und kontrolliert werden. Der Begriff «Netz» umfasst das Spinnen- oder Fischernetz ebenso wie das digitale Netz des Internets. «Netz und Netzwerk sind zu Leitmetaphern von Kommunikation, Gesellschaft und Wissenschaft geworden. Wo auch immer Menschen sind, das Global Village des Internets verbindet sie. Menschen in ihrer digitalen Dimension, «Netizens», sind zu beweglichen Knoten im Netz der Netze geworden, überall und jederzeit erreichbar. Die Welt hat sich verschoben: Der unmittelbaren Wahrnehmung, die weitgehend ohne technische Hilfsmittel auskommt, steht die Dominanz des digitalen Netzes gegenüber. Diese zweite Welt bildet die erste nicht nur ab, sondern schafft selbst neue Welten – bis der Unterschied zwischen Realität und Virtualität keine Aussagekraft mehr entfaltet», schreibt Stefan Laube in der Ausgabe «Die spinnen» der (Nummer für Nummer sehr anregenden!) «Zeitschrift für Ideengeschichte». Und weiter: Früher habe sich im Vernetztsein ein eher unfreiwilliger und temporärer Akt der Verstrickung verborgen, heutzutage sei dieser Zustand permanent; er werde bejaht und gehe mit einer Entfesselung medialer Möglichkeiten einher.
«Als ein 'der Spinne verlängertes Selbst, ihren Raub zu erhalten', so charakterisiert Johann Gottfried Herder (1744–1803) das Spinnennetz. Als ein 'verlängertes Selbst' der Menschheit erscheint auch das Word Wide Web, dessen Potenzial über die üblichen prothetischen Extensionen der bisherigen Medien weit hinausgeht», heisst es weiter in der Zeitschrift für Ideengeschichte.
«Im Netz I» (2022; 30 cm x 40 cm)
«Im Netz II» (2022; 40 cm x 30 cm)
Meine «Netz-Bilder» setzen sich mit der weit gespannten Netz-Semantik auseinander: vom einfachen Netz («Im Netz I») - «ein gewisses von zarten und starken Zwirn, Bindfäden oder Hanff mit weiten oder engeren Maschen verfertigtes Gestricke, allerley Arten Thiere, Fische und Vögel darinnen zu fangen» (Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 23 (1740)) - über ein sich auflösendes Netz («Im Netz II») bis zum hochkomplexen Netzwerk, von welchem man nicht so recht weiss, ob und geschweige denn wie es tatsächlich funktioniert («(Dys-?)Funktionales Netzwerk»). Die auf den vier Farben schwarz, weiss, grün und rot gründende Netz-Bilderreihe ist somit eine Art Signatur unserer Zeit: Aus dem archaisch-einfachen, fassbaren Netz sind undurchschaubare dezentrale Geflechte mit universell wuchernden Knoten und Verbindungen entstanden. Das Oszillieren zwischen Realität und Virtualität nehmen wir kaum mehr als solches wahr. Wir sind «Netizens» in einer virturealen Welt.
(Dys-?)Funktionales Netzwerk
(2022; 80 cm x 60 cm)
L'écouteur oder Die Geste des Zuhörens
L'écouteur
(2022; 80 cm x 60 cm)
Höre ich meinem Gegenüber tatsächlich zu - oder warte ich nur darauf, selber das Wort zu ergreifen? «L'écouteur» bedeckt seinen Mund mit den Fingern - und signalisiert damit - ob bewusst oder unbewusst -, dass er tatsächlich zuhört und seinem Gegenüber nicht demnächst ins Wort fällt. Ein Finger zeigt gar aufs Ohr - ein weiteres (bewusstes oder unbewusstes) Signal, dass sich der «Zuhörer» voll und ganz auf die Worte seines Gegenübers einlässt. Letztlich ist die wunderbare Gestik Ausdruck des Respekts nicht nur vor den Worten, sondern gegenüber dem Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin an sich.
Als Modell für «L'écouteur» stellte sich mir einer meiner Söhne zur Verfügung. Wer ihn kennt, wird ihn wohl wiedererkennen. Das Bild ist statisch-flächig, Konturen betonend, vereinfachend-stilisiert, letztlich comicartig gemalt. Mir schien, die «Zuhörer-Gestik» komme so besonders deutlich zum Ausdruck. Und «L'écouteuse»? Dieses Sujet ist in Planung …
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