Newsletter 2021 № 8
Peinture automatique
"Écriture automatique" bezeichnet eine Methode des Schreibens, bei der versucht wird, Intentionalität und Sinnkontrolle möglichst hinter sich zu lassen und niederzuschreiben, was spontan durch Kopf und Hand geht.
Gibt es auch "peinture automatique"? Ich öffne Malutensilien- und Farbbox und krame ein paar Farben und Pinsel sowie einen alten Schwamm hervor. Dabei stosse ich auch auf drei Farbmusterkarten, nach denen die Farben für den Stuhl "A picture as Enzo Mari's chair Sedia" (Newsletter 2021 Nr. 2) gemischt worden sind. Mit Pinsel, Farben, Schwamm und Farbmusterkarten bewehrt, setze ich mich vor ein leeres Blatt Malpapier - und beginne ziellos draufloszugestalten.
Sinn-Lose (2021; 24 cm x 32 cm)
Das Resultat: ziemlich sinnlos. Oder vielmehr: Sinn-Los? Die Farbmusterkarten haben sich (zumindest für mich) magisch in Sinn-Lose verwandelt - weshalb ich das Bild nachträglich so benenne. Jeder Leserin und jedem Leser wünsche ich ein solches Sinn-Los fürs Leben. Das Los steht für eine Sinnhaftigkeit, welche uns unvermittelt zufallen kann, wenn wir denn nur mit offenem Geist und Auge durchs Leben gehen.
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Wildrose
Eines Dezember-Anfangs fiel meiner Gemahlin und mir auf einem Spaziergang eine Wildrose ins Auge. Wie markant hob sich das intensive, warme Dunkelrot vom grau-nebligen, kalten Dezember-Himmel ab! Uns verblüfften Robustheit und Widerstandskraft der Blüte, war sie doch seit vielen Wochen und Monaten schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt.
Wildrose anfangs Dezember (2019; 80 cm x 60 cm)
«Stürm entblättern dich und mich» , heisst es in Hölderlins Gedicht «An eine Rose». Dies galt nicht für diese Wildrose, deren filigrane Schönheit den Stürmen trotzt. So wurde uns die gemalte Wildrose zum Symbol für Robustheit und Widerstandskraft. Solche allerdings, die nicht mit Verhärtung einhergeht, sondern sich Beweglichkeit und Feinheit bewahrt.
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Russian circle(s)
Wir bleiben bei der Kategorie des Robusten: Russian Circles, Trio aus Chicago, werden dem Genre des Post-Rock und -Metal zugeordnet. In dieser Genre-Schublade lassen sie es zünftig krachen - komplex, melodisch-wuchtig, instrumental -, so dass immer wieder Sound-Fetzen aus der Post-Rock-Schublade heraus und einem um die Ohren fliegen.
Die Band begleitet mich seit 2006, dem Erscheinungsjahr ihres Debutalbums "Enter". Höchste Zeit, mich malerisch mit dem Trio auseinanderzusetzen.
Cover des Debut-Albums "Enter"
Fluchtpunkt dieser Auseinandersetzung ist das "Enter"-Cover. Meine beiden Bilder "Russian circle, by day / by night" nehmen die Formsprache des Cover-Bildes auf und hüllen die Motivik in Tages- und Nachtlicht. Dieser Kontrast hat für mich insofern mit Russian Circles zu tun, als deren Musik zwischen melodisch-lichten und metallisch-wuchtdunklen Song-Elementen osziliert.
Russian circle, by day
(2021; 40 cm x 30 cm)
Russian circle, by night
(2021; 40 cm x 30 cm)
Aus dem Debut-Album "Enter" klingt eine gewisse Sperrigkeit des Anfangs. In verfeinerter, aber nicht minder ausgeprägter Form findet sich der beschriebene Kontrast - dies als Hörtipp für Freundinnen umd Freunde lauterer Gitarrenmusik - in den ersten zwei Songs des Albums "Guidance". Da wird immer mal wieder auch "ordentlich metallisch das Griffbrett gepflügt", wie es so schön in einer Rezension des "Visions", der Musikzeitschrift meines Vertrauens, (stellvertretend) zum "Enter"-Album heisst.
Und was meint der Visions-Redakteur, Jan Schwarzkamp, heute zur Band Russian Circles? Diese Frage beantwortet er mir wie folgt: "Russian Circles haben sich in den vergangenen anderthalb Dekaden als eine der wichtigsten Stimmen des Post-Rock/Post-Metal etabliert. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die klassische Triobesetzung diesen wuchtigen, vielschichtigen Sound kreiert und ganz ohne Gesang Assoziationskontexte öffnet, die weit über die Musik hinausgehen."
Fürwahr also angezeigt, dieser Band etwas Malerisches zu widmen.
Herzlichen Dank an Jan, ebensolche Grüsse an Visions nach Dortmund.
Und natürlich, liebe LeserBetrachterinnen: May your heart always be joyful