Newsletter 2021 № 6 


Schlafen im Park gegen die Gewalt
«DELHI - An einem Sonntagmorgen machten sich dreizehn Frauen von zu Hause aus auf, um in einem beliebten Park in Delhi ein Nickerchen zu machen. Die Busfahrt dauerte über eine Stunde und der Park war voll. Aber das wollten sie – gesehen werden. Sahani Khatun reiste mit ihrer Schwester Afsana und einigen Nachbarinnen aus ihrem Dorf an. Es war das erste Mal, dass sie solches unternahm. Zwei Wochen, bevor die Khatun-Schwestern zu ihrem öffentlichen Nickerchen aufbrachen, wurde in Hyderabad die verkohlte Leiche einer Frau gefunden. Vier Männer hatten sie vergewaltigt und verbrannt.
 
«Diese Frau kam von der Arbeit zurück. Hat sie sich jemals vorgestellt, dass sie diesen Unmenschen begegnen würde?«, fragt Afsana. «Es gibt nur sehr wenige Frauen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit noch in die Öffentlichkeit trauen. Und diejenigen, die es tun, sind innerlich verängstigt.»
 
Indiens National Crime Records Bureau hält fest, dass alle 15 Minuten eine Vergewaltigung angezeigt wird. Experten sagen, dass die Zahl viel höher sei, da viele Frauen die Gewalt nicht anzeigen. Für Sahani, Afsana und andere Frauen, welche die Epidemie geschlechtsspezifischer Gewalt satt haben, ist das Nickerchen in der Öffentlichkeit zu einem Akt des Widerstands geworden.» (Übersetzung mat.)


Diese Zeilen stammen aus einem Artikel der Journalistin Romita Saluja, welchen ich anfangs 2020 in der Washington Post gelesen habe (https://www.thelily.com/can-loitering-and-napping-in-public-be-acts-of-resistance/). In diesem Artikel resp. auf der Website http://www.blanknoise.org finden sich Bilder von aus Protest im Park schlafenden Frauen. 

Bild: blanknoise.org

Diese stille Geste der Solidarität mit Gewaltopfern habe ich im kleinformatigen Bild «Can napping be an act of resistance?» eingefangen.

Vorstufe zu «Can napping be an act of resistance?»

 

Die dargestellte Frau ist in eine von warmen Farbsprenkeln dominierte Traumumgebung transponiert – als Zeichen der Hoffnung, der stille Protest bleibe nicht unerhört.

«Can napping be an act of resistance?»



 
Selbstporträt
Sehr eindrücklich finde ich die Porträts des russisch-deutschen Malers Alexej von Jawlensky (1864 bis 1941). Ganz besonders angetan hat es mir dieses Bild. 

Alexej von Jawlensky - 

Mystischer Kopf: Galka Fatum - Fate, 1917


Das Bild geht auf Emmy „Galka“ Scheyer zurück, die Jawlensky 1916 kennenlernt. Auf der Website des Auktionshauses Ketterer Kunst heisst es zum Gemälde:  «Zeugnis von Jawlenskys radikal reduzierter Formensprache seiner Jahre im schweizerischen Exil, die von den Einflüssen der Pariser Avantgarde zeugen. Ein qualitativ vergleichbares Gemälde aus der Werkreihe der "Mystischen Köpfe" befindet sich in der Sammlung des Kunstmuseums Basel ("Mystischer Kopf: Mädchenkopf (frontal)", 1918» 

 

Mir gefällt besonders der Schattenwurf im Gesicht, welcher zu einer Asymmetrie im Antlitz der Figur führt. Dieses Gemälde inspirierte mich zum nachstehenden , ebenfalls stark durch Schatten und Asymmetrie geprägten Porträts. Das Bild versteht sich als entfernte Referenz an die genialen Jawlensky- Köpfe.

mat. (2021; 30 cm x 40 cm)



 
Verschwommene Bewegung
Im Mai 2019 fand im Phönix Theater Steckborn die Tanzaufführung «Flow» der «Cie Linga» statt. Die Produktion spielte mit Bewegungen und Formationen, wie wir sie von Vogel- und Insektenschwärmen kennen. Sehr eindrücklich inszenierten die Tänzerinnen und Tänzer Bewegung, Dynamik, Zusammenballung und Vereinzelung. Während des Anlasses schoss ich diese unscharfe, Restlicht bündelnde Fotografie. 

Fotografie zur Tanzaufführung «Flow» im Phönix Theater (Steckborn) (9. Mai 2019)

 

Die in angespannter Ruhe verharrende Tänzerin (links im Bild) blieb mir im Bild-Gedächtnis haften. So entschloss ich mich, ihr ein eigenes Gemälde zu widmen. Die Tänzerin ist nun Hauptfigur des in verschwommen-numinoser Manier gehaltenen, 80 cm x 80 cm grossen Bildes «Vue peu claire».

Vue peu  claire (80 cm x 80 cm)